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Wie wird das Crescendo auf einer symphonischen Orgel ausgeführt?

How to perform a crescendo on a symphonic organ?
by Peter Ewers

Zwei Dinge sind für den Klang einer Orgel charakteristisch:
- der große Tonumfang und
- die große Dynamik.

Um diese Superlative des Instrumentenbaus für den Verlauf eines musikalischen Geschehens nutzbar und wirkungsvoll zur Geltung bringen zu können, haben sich zu allen Zeiten fähige Orgelbauer an Lösungen herangewagt. Im Barock versuchte man durch eine Terassendynamik unterschiedliche Charaktere und Lautstärkeverhältnisse darzustellen. Auf zwei Klavieren dient eines dazu die stärkeren Klangfarben wiederzugeben. Das zweite Klavier, auch Echoclavier genannt, spielte mit einer klanglich deutlich abgesetzen Lautstärke, wie in einem Echo, die entsprechenden Gegenpartien. Der Interpret wird durch schnelle Manualwechsel versuchen, diesen Echoeffekt geschickt zu nutzen.

Als zum Ende des Barock die Musik empfindsamer wurde und eine viel differenziertere Nuancierung erforderte, wurden auf einem weiteren separaten Klavier Solostimmen zusammengefasst. Diese Klaviatur erhielt den Namen Récit und wurde schon rasch mit einer Neuerung des Orgelbaus verbunden: Dazu müssen alle Pfeifen der Register dieses Manuals in einem vollständig geschlossenen Gehäuse stehen. Ein Teil der Gehäusewände läßt sich über eine Fußbewegung des Organisten über sogenannte Balanciers öffnen und schließen. Wie man bei einer Fensterjalousie die Lamellen öffnen kann um mehr Licht in den Raum zu lassen, kann der Organist durch seine Fußbewegung über die Balanciers die Lamellenwände des Schwellwerks öffnen und der Klang ergißt sich mit wachsender Kraft in den Kirchenraum. Bei geschlossenem Schwellwerk ist der Klang der gezogenen Register wie in weiter Entfernung vernehmbar. Viele haben den Eindruck vor der Kirche zu stehen und die Orgel aus der Kirche heraus zu hören. Der ganze Orgelklang ist schon da, man ahnt die kontrollierte Kraft des Klanges aber erst die Öffnung des Schwellwerks läßt diese Klangmasse allmählich anwachsen. Ein wirklich unvergleichlicher Effekt, der dem Klang einer symphonischen Orgel etwas mystisches verleiht.

In der Folge wurden die Schwellwerke allein von der Registeranzahl immer größer und stellten unter Aristide Cavaillé-Coll neben dem Grand-Orgue quasi das zweite Hauptwerk der Orgel dar. Die vorhandene Dynamik einer symphonischen Orgel zeigt sich vor allem in der Fähigkeit, die Kraft des Récit zu kontrollieren. Ungenügend isolierte Schwellwerke lassen diesen Effekt verflachen. Im Tutti einer Orgel läßt sich das Öffnen des Schwellwerks als letzte Steigerung noch deutlich wahrnehmen. Meiner Erfahrung nach liegen gute Dämpfungsgrade von effektiven Schwellwerken bei 16 dB SPL.

Der oben beschriebene Effekt wird um eine technische Besonderheit ergänzt. Alle Register der verschiedenen Teilwerke einer Orgel(Grand-Orgue, Positif, Récit, Bombarde, Pédal etc.) stehen auf zwei Laden verteilt. Auf der Seite der Jeux des fonds stehen die labialen Grundstimmen im 16', 8' und 4'-Bereich.

Auf der anderen Seite stehen die Jeux des combinaison, die höheren Labialregister, breite Mixturen und die Gruppe der Zungenregister (Anches). Diese beiden Gruppen von Registern sind auf allen Teilwerken der Orgel vertreten und können durch Einführungstritte, sogenannte Appels während des Spiels zugeschaltet werden. Die Einführungstritte sind im eigentlichen Sinne Windsperrventile die stets einem ganzen Ensemble Wind zur Verfügung stellen.

Die charakteristische Dynamik einer symphonischen Orgel geschieht in folgenden Schritten.

1.) Alle Register werden gezogen (stets ohne Voix céleste und ohne Voix humaine), die Manuale sind gekoppelt. Die Register der jeux des combinaison erhalten noch keinen Wind, sie sind noch nicht zu hören. Diese Registrierung nennt sich Grand fonds, auf allen Manualen hört man jetzt das Grundstimmenensemble.

2.) Bei geschlossenem Schweller des Récit wird der Einführungstritt Jeux des combinaison des Récit eingehakt. Das Récit erklingt nun mit allen Registern, das Schwellwerk ist aber weiter geschlossen. Um eine fast unbemerkte Klangverschmelzung mit dem gekoppelten Grand-Orgue und Positif zu ermöglichen, läßt sich das Crescendo sehr eindrucksvoll vom Grand-Orgue aus durchführen.

3.) Allmählich öffnet sich nun das Schwellwerk, der Klang wird immer mächtiger. Für dieses sehr eindrucksvolle Balanceverhältnis steht die Registrieranweisung Demi-Grand Choeur.

4.) Die nächste Ebene im dynamischen Verlauf erreicht man durch den Einführungstritt jeux des combinaison für das Positif.

5.) Danach wird der Positifschweller geöffnet.

6.) Es folgt der Einführungstritt für die jeux des combinaison des Grand-Orgue und anschließend

7.) der Einführungstritt für die jeux des combinaison des Pédale. Diese Registrierung nennt sich Grand Choeur.

8.) An einigen Instrumenten läßt sich durch die Oktavkoppeln die Klangkraft erheblich steigern (Tutti).

Bedingt durch die Ästhetik der einzelnen Ensemble-Gruppen (Labialregister melodiebetont intoniert, Zungenregister in der Tiefe sehr kräftig nach oben hin eher rund) ist das Tutti einer symphonischen Orgel niemals erschlagend oder laut. Es ist eher kraftvoll und stets von Noblesse gekennzeichnet. Der Klang ist in der Tiefe nie plump oder aufdringlich und durch die weiten Mixturen ist er in der Höhe nie schneidend oder scharf. Das Tutti einer Cavaillé-Coll-Orgel ist derartig ausgeglichen, dass selbst 100 Jahre nach Cavaillé-Colls Tod Orgelbaumeister seinen Prinzipien nachzufolgen versuchen - mit mehr oder weniger Erfolg.

Für SOS-2 gelten exact die oben beschriebenen Grundsätze. Die Orgel von Notre-Dame de Laeken steht einer Cavaillé in Nichts nach.

Das Récit in Laeken hat nach meiner Auffassung jedoch nicht die Vollkommenheit wie das Récit von Saint-Sulpice oder Notre-Dame in Paris. Für die Realisation von SOS-2 blieb dies jedoch ohne Belang, da zur Zeit alle verfügbaren Samplerkonfigurationen besonders mit der Dynamik einer symphonischen Orgel an die technischen Grenzen stoßen. Die Dynamik der Sampler selbst würde zwar in jedem Fall ausreichen, die Probleme liegen jedoch auf einer tieferen Ebene.

Um einen stufenlosen Verlauf der Dynmik mit einem Instrument abbilden zu können, müssen von jeder denkbaren Stufe der Dynamik einzelne Samples aufgenommen werden. Das läßt sich leicht realisieren. Die heute gebräuchlichen Flügelsamples der einschlägigen Klangbibliotheken greifen z.B. auf bis zu 8 verschiedene Lautstärkestufen zurück. Auch wenn Arthur Rubinstein ganze 70 Lautstärkedifferenzierungen nachgesagt werden und folglich noch einiges an Samplearbeit zu tun übrig bleibt, beschreibt dies das Problem nur in eine Richtung. Der Klavierklang hat eine extrem kurze Einschwingphase um dann entsprechend charakteristisch  auszuklingen. Die Einschwingphase eines Orgeltons ist da ähnlich kurz, zumal bei einer ausintonierten Orgel die Arbeitspunkte der Pfeifen in der Regel sehr gut getroffen werden. Was aber, wenn der Klang eines Register anschließend wächst? Es ändert sich nicht nur die reine Lautstärke. Auch die Klangfarbe ändert sich. Bei niedrigen Lautstärken werden durch ein gutes Récit stärker die hohen Teilfrequenzen durch die Gehäusewandung und eine Dämmung absorbiert. Dieses Phänomen ist mit einem Mulitsample nur bedingt zu beheben.

Die Öffnung des  Schwellwerks kann rasch erfolgen oder auch allmählich. Sie ist äußerst subtiles Mittel des Interpreten und dabei so individuell, daß selbst ein zigfaches Multisample der Einmaligkeit des Klanges nicht nahekommen würde.

Aufgrund dieser Komplexität wurde für SOS-2 auf die Aufnahme von dynamischen Multisamples für das Récit verzichtet. Multisamples als reine Volumenänderungen machen in meinen Augen wenig Sinn, weil Sie über entsprechende Kontroller ohnehin zu erzielen sind. An dieser Stelle ist daher eindeutig die Grenze des Machbaren erreicht - zur Zeit jedenfalls.
Falls Sie also Erfahrungen in diesem Bereich haben, sprechen Sie mich einfach an. Ich würde mich freuen für eine der weiteren Klangbibliotheken auch dynamische Multisamples anbieten zu können.

Two things are characteristical for the sound of an organ:
- the great range
- the great dynamic

In order to show this superlative of building instruments for the process of any musical performance to its best advantage able organbuilders always have ventured near solutions. In the era of the baroque one tried to show different characters and ratio of volumes with the Terrassendynamik (terraced dynamic). From two manuals one is used to give the stronger tone colour. The second manual, also called Echoclavier, is played with a tonal distincted volume, like an echo, the corresponding counterparts. The interpreter will try to use this echoeffect by quick changes of the manuals. When at the end of the era of the baroque music became more sensitive and a much more differentiated nuanciation was required the solostops were summarized on a further separate manual. This manual was called Récit and soon was combined with an invention of organbuilding: all of the pipes of the stops of this division have to be built in a single chest, which is totally closed. One part of the walls of this chest can be opened and closed by a movement of the organplayer with the so called Balanciers. Like a Venetian blind with its slats which you can open to let more light into the room the organplayer can open the slats of the swell using the balanciers and the sound floods the nave with increasing power. When the swell is closed the sound of the chosen stops is audible as if it came from a far distance. Many people get the impression to stand in front of the church hearing the organ from within. The complete sound is there. One can guess the controlled power of the sound but only the opening of the swell makes this power increase. Really an incomparable effect which adds something mystical to the sound of a symphonic organ.

As a consequence the swell became greater even with regard to the quantity of the stops and with Aristide Cavaillé-Coll the swell became the second main division of an organ beside the Grand-Orgue. The existing dynamics of a symphonic organ reveals itself in the ability to control the power of the Récit. Insufficently insulated swellboxes make this effect flatten. In the tutti of an organ the opening of the swell is clearly audible. In my experience the dampingrates of effective swells are up to 16 dB SPL. The above standing effect is completed with a special technical feature. All stops of one division (Grand-Orgue, Positif, Récit, Bombarde, Pédale) are standing on two windchests. On the one side you find the labial jeux des fonds of 16’, 8’ and 4’. On the other side you will find the jeux des combinaison, the higher labial stops, wide mixtures and the group of the reeds (Anches). These two groups of stops are given on every division and you can add these stops using the Appels while playing. The appels are actually pallets for the wind which give a huge ensemble wind. The characteristical dynamic of a symphonic organ follows this structure.

1.) Every stop is thrown (every time without Voix céleste and Voix humaines), the manuals are coupled. The stops of the jeux des combinaison get no wind. The Appels are not fastened. The jeux des combinaison have no wind, they are not audible yet. This registration is called Grand fonds and the fact of the drawn stops of the jeux des combinaison is called “Anches preparé”.

2.) With the slats of the swell closed the appell Récit - Jeux des combinaison is fastenend. The Récit sounds with all stops but it is still closed.
To get a nearly inaudible melting of the sounds from the swell with the Positif and the Grand-Orgue the crescendo is impressive if played from the Grand-Orgue.

3.) Continually the swell is now opened. The sound becomes more and more powerful. For this impressive relation the suggestion Demi-Grand Choeur stands for.

4.) The next level within the dynamic progress is reached when drawing the appell Positif – Jeux des combinaison.

5.) After that the slats of the Positif are opened.

6.) Next the appell Grand-Orgue – Jeux des combinaison is drawn followed by

7.) the Appell Pédale – Jeux des combinaison. This registration is called Grand Choeur.

8.) On some instruments the power can be maximized with the octav-couplers reaching the Tutti.

Due to the aethetics of the different ensemble groups (the labial stops are harmonized with focus on melody, reeds are in the bass very strong towards the higher regions rather round) the Tutti of a symphonic organ is never beating or simply loud. It is more powerful and always signed by noblesse. The sound in the bass regions is never plump, massive or importunate and due to the wide mixtures it is in the higher region never biting or sharp. The Tutti of a Cavaillé-Coll-Organ is balanced in such a way that even 100 years after Cavaillé-Coll’s death able organbuilders try to follow this principles – more or less successfully.

For SOS-2 these given rules are valid exactly. The organ of Notre-Dame de Laeken, Brussels is in no way inferior to a Cavaillé.

But the Récit of Laeken has in my opinion not the perfection of the Récit from Saint-Sulpice or Notre-Dame, Paris. For the realisation of SOS-2 this fact was of no importance because at the moment all available configurations of samplers reach the technical limits especially with the dynamic of a symphonic organ. The dynamic of the samplers itself would be sufficient but the problems are on a lower level:

 To go continuously in the development of dynamic with one instrument one has to take single samples from every possible level. This is easy to be realized.  The known sample libraries from grand pianos for instance use up to 8 different volumes. Even though Arthur Rubinstein is said to have had all of 70 differentiations of volume and consequently there is still a lot of sample work to do, this only describes the problem from one angle. The sound of the piano has got an extreme short attack phase after which it dies away in the same characteristic way. The attack phase of an organ sound is similarly short, especially since with an fully intonated organ the working points of the pipes are normally well hit.

But what is to be done when the sound of a stop is increasing afterwards? Not only the volume is changing but also the tone colour. With low volumes the higher frequencies of a good Récit are absorbed in a higher degree by the walls of the chest and the damping. This phenomenon can only partly be remedied with a multisample. The opening of the swell can take place quickly or continually. It is an extremely subtle device of the interpreter and such an individual one that even an umpteenth multisampler would not come close to the unique sound. Because of this complexity SOS-2 refrains from the recording of dynamic multisamples for the Récit. In my opinion multisamples as pure changes of volume do not make much sense, because they are to be achieved by controllers anyway. Here the limit of what is feasible is clearly reached – at any rate for the moment being. If you have made any experiences on this field, simply let me know. I would be happy to be able to offer dynamic multisamples for one of the following sound libraries.

Haben Sie noch Fragen? Wir freuen uns auf Sie!
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